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Lagerungsbedingte Schädeldeformitäten

Definition: Vor allem in den ersten 6 Lebensmonaten kann eine ein- (Plagiozephalus) oder beidseitige (Brachyzephalus) Abflachung des Hinterkopfes beim Neugeborenen und Säugling entstehen.

Ursachen: Die Entstehung und zugrundeliegenden Wirkmechanismen sind aktuell noch nicht vollständig geklärt. Mehrere Ursachen scheinen zusammen zu wirken. Zum einen ist der Schädel in den ersten Lebensmonaten sehr leicht verformbar. Die Schädelnähte sind noch nicht verknöchert, damit sich während der Geburt die Schädelplatten beim Durchtritt durch den Geburtskanal leichter gegeneinander verschieben können. Auch nach der Geburt ist eine leichte Verformbarkeit notwendig, da der Schädel sehr schnell an Größe zunehmen muss. Das innen liegende Gehirn verdoppelt seine Größe in den ersten 6 bis 7 Monaten. Am häufigsten sind lagerungsbedingte Abflachungen des Hinterkopfes durch einseitige Bevorzugung der Kopfdrehung in Rückenlage. Geburtsbedingte Schädeldeformitäten (Verschiebungen der Schädelplatten) bilden sich etwa bis zur 6. Lebenswoche zurück. Sehr selten sind frühzeitige Verknöcherungen der Schädelnähte eine Ursache für eine Schädeldeformität.
Risikofaktoren für eine Schädeldeformität sind außerdem das männliche Geschlecht, Enge oder Zwangslage während der Schwangeschaft z.B. bei Mehrlingsschwangerschaften, Flaschenfütterung ohne Seitenwechsel des Kindes, Bewegungseinschränkungen der Halswirbelsäule, Frühgeburtlichkeit oder geburtshilfliche Maßnahmen (z.B. Zange oder Saugglocke). Risikomindernd ist vor allem das Stillen durch die wechselnde Position des Säuglings als Lagerung auf beiden Seiten.

Diagnostik: Die Diagnose einer lagerungsbedingten Schädelasymmetrie kann bereits allein durch eine ärztliche klinische Untersuchung gestellt werden. Nur selten sind zusätzliche Untersuchungsmethoden wie der Ultraschall unter der Frage frühzeitig verknöcherter Schädelnähte notwendig. In stark ausgeprägten Fällen findet eine multiprofessionelle Untersuchung und Behandlung durch Neuropädiater, Kinderchirurgen und Mund- Kiefer- und Gesichtschirurgen statt.

Einteilung: In der Messmethode des größten und kleinsten Schädeldurchmessers (CVA – Cranial Vault Asymmetry) nach Moss und Mortenson et al. (Quelle 1+2) gilt eine Abweichung unter 3mm als normal, ein Unterschied zwischen 3 und 12mm als milde Schädeldeformität und ein Unterschied ab 12mm als schwere Schädeldeformität.

Vorbeugung:
– Vermeidung einer Lieblingsseite im ersten Lebensjahr
– unter Beobachtung Lagerung auf dem Bauch
– Kopfdrehung in Rückenlage im Schlaf auf die ungeliebte Seite
– wechselnde Trink- und Essensposition (Halten im linken Arm und Halten im rechten Arm)
– Förderung ungeliebter Seite durch Spielangebote über diese Seite

Therapie je nach Schweregrad:
– unter Beobachtung Lagerung auf der nicht betroffenen Seite und auf dem Bauch
– ggf. Änderung der Fütterposition bei Flaschenkindern:
schaut das Kind Sie beim Füttern überwiegend an? Wenn ja, dann
bei Abflachung der rechten Seite: Kind im rechten Arm halten, Flasche in linker Hand
bei Abflachung der linken Seite: Kind im linken Arm halten, Flasche in rechter Hand
schaut das Kind beim Füttern überwiegend im Raum umher? Wenn ja, dann
bei Abflachung der rechten Seite: Kind im linken Arm halten, Flasche in rechter Hand
bei Abflachung der linken Seite: Kind im rechten Arm halten, Flasche in linker Hand
– Förderung ungeliebter Seite durch Spielangebote über diese Seite
– Beseitigung bestehender Bewegungseinschränkungen
– Physiotherapie insbesondere nach Vojta oder Bobath
– modellierende Kopforthese („Helmtherapie“) mit Tragedauer 23 Stunden pro Tag über mehrere Monate

Quelle: Linz C, Kunz F, Böhm H, Shweitzer T: Positional skull deformities – tiology, pervention, diagnosis and treatment. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 535-42
1: Moss SD: Nonsurgical, nonorthotic treatment of occipital plagiocephaly: what is the natural history of the misshapen neonatal head? J Neurosurg 1997; 87: 667–70
2: Mortenson PA, Steinbok P: Quantifying positional plagiocephaly: reliability and validity of anthropometric measurements. J Craniofac Surg 2006; 17: 413–9